Instagram Detox: Wie ich meinen fotografischen Stil neu entdeckt habe
Hier sitze ich also, drei Monate nach meinem Instagram Detox und Ausstieg aus dem Creator-Dasein bei Instagram. Dieser Moment ist so symbolisch, weil ich sonst nie in einem Café sitze. Doch heute markiert er den Beginn eines bewussteren Lebensabschnitts.
Zum ersten Mal seit Jahren verbringe ich meinen Urlaub zu Hause—ohne die ständige Jagd nach Motiven oder den Druck von Instagram (Fear Of Missing Out). Diese Pause fühlt sich befreiend und zugleich ungewohnt an. Ich habe Zeit gefunden, einfach zu sein, ohne ständig an das nächste Foto oder den nächsten perfekten Moment denken zu müssen. Es hat mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren und zu spüren, wie wohltuend es sein kann, ohne äußeren Druck zu leben. Ich habe sogar eine Zusammenarbeit mit einem Hotel abgelehnt. Dennoch kämpfe ich noch mit alten Routinen und der Versuchung, in gewohnte Muster zurückzufallen. Die freie Zeit hat es mir erlaubt, mich einfach mal in ein Café zu setzen und den Moment zu genießen. Es war anfangs ungewohnt, aber dann sehr entspannend und schön. Ein symbolischer Moment in einem Café in meiner Heimatstadt, ein paar Tage vor Weihnachten—ein Augenblick, der für mich einen ersten Schritt zu einer neuen Herangehensweise markiert. Hier schrieb ich meinen ersten Blogentwurf, und es fühlte sich wie ein Neuanfang an. Das Jahresende steht vor der Tür. Das triste Wetter—graue Wolken, Wind und kaum Sonne—lädt ohnehin zum Reflektieren ein. Ich reflektiere oft, doch die letzten Monate nach meinem Ausstieg aus Instagram waren besonders intensiv. Das ganze Jahr hat mich auf eine Reise der Selbstfindung geschickt, die eng mit meinem Instagram Detox verbunden ist und mich bis heute prägt.
Zu Beginn des Jahres setzte ich mir das Ziel, 50.000 Follower zu erreichen. Ursprünglich dachte ich sogar an 100.000, aber das erschien mir dann doch zu optimistisch. Diese relativ hohe Zahl, egal ob 50.000 oder 100.000, hatte für mich eine besondere Bedeutung, weil ich dachte, dass sie der Wendepunkt zu einem erfolgreichen Leben als Fotograf sein könnte. Ich stellte mir vor, dass Marken auf mich zukommen, mir Kooperationen anbieten und Tourismusagenturen mich zu Reisen einladen—alles ohne Eigenwerbung. Also wurde ich zum Creator. Ich habe mich nie als Creator gesehen, aber im Nachhinein ist das wohl der passendste Begriff, um das zu beschreiben, was ich tat. Ich veröffentlichte täglich Fotos und Reels, investierte unzählige Stunden in dieses Ziel. Es spielte keine Rolle, wie erschöpft ich war oder welche Ereignisse anstanden—irgendwie musste ich immer Zeit dafür finden.
Doch es kam anders: Ich verlor das Gefühl dafür, wer ich bin und was mich ausmacht. Die Entscheidung, den Dolomiten-Trip abzusagen, hat mich nachhaltig verändert. Sie war der erste Schritt, mich von externem Druck und täglichen Routinen zu befreien, die immer nur auf Produktivität ausgerichtet waren. Ich begann, Entscheidungen bewusster zu treffen und meinen Fokus stärker auf meine Familie und das Wesentliche zu richten. Meine Konzentration verbesserte sich und ich fand wieder zu mehr innerer Ruhe, nachdem ich einige Wochen nach der Entscheidung durch viele innerliche Qualen gegangen bin, auf die ich zu einem anderen Zeitpunkt näher eingehen werde. Dadurch wurde mir klar, wie sehr ich mich zuvor von äußeren Erwartungen und dem Streben nach Reichweite leiten ließ. Ein Beispiel, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Ich wollte eigentlich unbedingt in die Dolomiten im Herbst. Das ganze Jahr hatte ich es mir vorgenommen. Doch auf einmal war ich mir nicht mehr sicher. Es war geplant, dass ich den Trip alleine mache und meine Familie zu Hause bleibt. Ich hatte den vollen Rückhalt meiner Familie, das zu tun, doch ich wusste nicht, ob ich sie eine Woche alleine lassen möchte. Irgendwas hinderte mich. Ich fragte mich, wieso ich da überhaupt hinwill. Will ich dort nur hin, um besseren Content und mehr Reichweite zu bekommen? Oder will ich wirklich selbst hin aus dem Urinteresse an der Gegend? Ich entschied mich letztlich dafür, zu Hause zu bleiben, und begann meinen Instagram Detox, in dem ich die App von meinem Handy löschte und nicht mehr zu nutzte. Über diese Zeit werde ich in einem anderen Blog genauer schreiben. Doch in diesem Moment begann ich, mir grundlegende Fragen zu stellen: Was bedeutet Fotografie für mich? Wie bin ich überhaupt zur Fotografie gekommen? Diese Fragen führten mich in eine intensive Phase der Selbstreflexion.
Der Weg zurück zu meinen Wurzeln
Um zu verstehen, wer ich bin und was mich als Fotograf ausmacht, musste ich zurück in die Vergangenheit. Dieser Blick zurück hat mir geholfen, wieder mehr Klarheit zu finden. Ich erkannte, wie entscheidend die Freude und Spontanität von damals waren. Diese Erkenntnis motiviert mich, die Fotografie wieder freier zu erleben und mich auf das zu konzentrieren, was mich emotional anspricht. Ich möchte wieder an einen Punkt kommen, an dem ich die Fotografie einfach leben kann wie damals. Auf meinen Festplatten fand ich Fotos von Reisen nach England, Portugal, Mauritius, Hongkong, Australien und anderen Ländern. Diese Bilder stammten aus einer Zeit, in der ich einfach fotografierte—ohne Ziel, ohne Druck, ohne Gedanken an Likes oder Follower. Damals ging es nur um den Spaß.
Besonders prägend war das Jahr 2016, als meine Frau sich eine Olympus Micro Four Thirds Kamera kaufte. Ihre Begeisterung für die Technik sprang auf mich über, und ich kaufte mir eine Lumix GX80. Plötzlich machte es wieder Spaß, zu experimentieren und zu lernen. Ich las Bücher über Fotografie, darunter eines von Benjamin Jaworskyi, und begann, mit Stativ und Filtern zu arbeiten.
Ein prägendes Erlebnis war ein Bild aus Portugal: Zwei Stunden lang fotografierte ich Steine am Strand, während meine Frau alleine den Sonnenuntergang genoss. Wir lachen heute darüber, doch damals spiegelte es meine Faszination für die Fotografie wider. Damals war es dennoch ein kleiner Urlaubskonflikt.
Erkenntnisse aus alten Bildern
Beim Sichten meiner alten Bilder fiel mir auf, wie sehr sie sich von meinen späteren Instagram-Fotos unterschieden. Die damaligen Aufnahmen waren intuitiv und frei von jeglichem Druck.
Ich erinnere mich an eine Reise nach Hongkong: Die Skyline mit ihren Lichtern faszinierte mich. Ohne Plan oder Druck fotografierte ich, einfach weil ich den Moment genießen wollte. Es war unwichtig, ob das Licht perfekt war oder die Perspektive einem "perfekten Bild" entsprach—ich war einfach präsent.
Heute erkenne ich in diesen alten Bildern jedoch schon Elemente meines aktuellen Stils:
Linienführung: Diagonale Linien, die Dynamik und Tiefe erzeugen, faszinieren mich. Ich halte mich gerne an die Drittelregel und vermeide unnötige Details im Vordergrund.
Minimalismus: Mein Stil ist schlicht, mit einem Fokus auf Ruhe und Harmonie, jedoch nicht extrem minimalistisch.
Zeitlose Bearbeitung: Mein Bearbeitungsstil betont subtile Ästhetik und reduziert übertriebene Effekte.
Der Blick zurück hat mir zum einen geholfen, zu erkennen, dass mein fotografischer Stil individuell ist und meine Fotografie damals schon erste Facetten von Kompositionen beinhaltete, die sich bis heute durchziehen. Ich habe nicht einfach nur Fotos von anderen Fotografen auf Instagram kopiert, sondern durchaus meinen eigenen Stil geschaffen. Für mich eine wichtige Erkenntnis, da ich keine Kopie sein möchte. Doch neben all den technischen Hintergründen der Fotos sind mir noch ganz andere Dinge aufgefallen. Dabei ging es mehr um meine persönlichen Erinnerungen an die Momente, in denen die Fotos entstanden—nicht um die Qualität der Bilder.
Fotografie ohne Instagram-Druck
Ich erinnere mich an Reisen, bei denen Instagram keine Rolle spielte. In Hongkong fotografierte ich die Skyline und ein Kloster. Ich ließ mich treiben und fotografierte nur das, was mich wirklich ansprach. In Australien war ich beruflich unterwegs und entdeckte die Great Ocean Road, ohne zu wissen, wie bekannt sie ist. Mein persönliches Highlight war jedoch ein Besuch bei den Australian Open—mit meiner Kamera einfach nur dabei, um Erinnerungen festzuhalten.
Diese Erlebnisse sind heute wertvolle Erinnerungen, da sie frei von Instagram-Druck entstanden und nur für mich selbst waren. Sie haben mich daran erinnert, dass wahre Zufriedenheit nicht von äußerer Anerkennung abhängt, sondern von der Freude, ganz im Moment aufzugehen. Sie haben mir gezeigt, dass wahre Zufriedenheit aus dem bewussten Erleben des Moments entsteht—ohne den ständigen Drang nach Perfektion. Das ständige Hetzen mit Kamera und Drohne für das vermeintlich perfekte Bild raubt mir die Freiheit, den Moment wirklich zu erleben.
Als ich 2020 anfing, über Instagram nach "Hotspots" zu suchen, verlor ich diese Unbefangenheit. Ich begann, Spots abzugrasen. Unsere Urlaube waren nicht schlecht, aber sie hätten sicher noch schöner sein können. Denn in meinem Kopf war Instagram immer präsent und führte mich unweigerlich dazu, Sonnenaufgänge zu priorisieren anstatt ein entspanntes Frühstück im Hotel oder Airbnb zu genießen.
Fazit
Mein Instagram Detox hat mich zurück zu meinen fotografischen Wurzeln geführt und mir gezeigt, wie erfüllend Fotografie ohne äußeren Druck sein kann. Beim Betrachten meiner alten Bilder wird mir bewusst, wie anders Fotografie damals für mich war—ein kreativer Ausdruck und eine persönliche Leidenschaft, die ich ohne Druck auslebte. Heute arbeite ich daran, diese Ursprünglichkeit wiederzufinden. Fotografie soll wieder mir gehören—nicht Likes oder Algorithmen.
Ich bin dankbar für die Erkenntnisse der letzten Monate. Der Ausstieg aus Instagram hat mich zwar zu spannenden Orten geführt, aber es hat auch meine Sicht auf die Fotografie verändert. Jetzt möchte ich das Beste aus beiden Welten vereinen: den ungezwungenen Spaß und die Leichtigkeit von früher mit den Erfahrungen und Erkenntnissen, die ich heute gewonnen habe.
Mit diesen Erkenntnissen beginne ich ein neues Kapitel meiner Fotografie—frei, authentisch und im Einklang mit mir selbst.
Drei Tipps, um herauszufinden, ob du deinen eigenen Stil hast oder nur eine Kopie bist
Vergleiche alte und neue Fotos
Schau dir Fotos an, die du vor Social Media oder in den Anfängen deiner Fotografie gemacht hast. Erkennst du Gemeinsamkeiten in Komposition, Farben oder Stimmungen? Wenn ja, deutet das darauf hin, dass dein Stil schon immer da war. Wenn nicht, könnte es sein, dass dein aktueller Stil stark von Trends beeinflusst ist.Frage dich: Würde ich dieses Foto auch ohne Publikum machen?
Stell dir vor, niemand würde dein Foto jemals sehen. Würdest du es trotzdem machen? Wenn die Antwort „Ja“ ist, ist das ein Zeichen dafür, dass das Foto aus deinem Inneren kommt und nicht nur auf Likes oder Anerkennung abzielt.Experimentiere bewusst ohne Vorgaben
Gehe für ein Shooting raus, ohne vorher auf Social Media zu recherchieren oder dir konkrete Ziele zu setzen. Lass dich von deinem Gefühl und der Umgebung leiten. Wenn die Ergebnisse dich begeistern, unabhängig davon, ob sie „im Trend“ liegen, bist du auf dem Weg, deinen eigenen Stil zu finden.