Der lange Weg zur eigenen Bildsprache: Wie Instagram meinen Stil beeinflusste

Einleitung

Fotografie war für mich immer ein spannendes Hobby und ein Ansporn, etwas Neues zu lernen und besser zu werden. Emotionen in Bildern oder die Idee, Fotos als Ausdruck von Gefühlen zu nutzen, waren für mich lange fremd. Was mich motivierte, war die technische Herausforderung: die perfekte Komposition, das richtige Licht und später auch das Finden eines Bearbeitungsstils. Doch in meinen frühen Jahren der Fotografie war das Hauptziel, einen Stil zu finden, der auf Instagram „funktioniert“.

Rückblickend sehe ich, dass ich mich mehr damit beschäftigt habe, wie ich ein Publikum beeindrucke, als damit, was mir wirklich gefällt. Ich hatte immer die Sorge, dass das, was ich mag, nicht ankommt, und gleichzeitig fehlten mir die technischen Fähigkeiten, die Farben so zu gestalten, wie ich sie mir vorgestellt habe. Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, diese Lücke zu schließen. Und erst durch meinen Instagram-Ausstieg habe ich begonnen, meine Fotografie und meine Entwicklung wirklich zu reflektieren.

Kapitel 1: Meine ersten Schritte in der Fotografie

Bevor Instagram für mich eine Rolle spielte, begann ich mit einfacher Bildbearbeitung und der Freude, Momente festzuhalten. Meine ersten Schritte waren eher experimentell: Ich versuchte, Farben und Lichtstimmungen zu gestalten, die mir gefielen, ohne ein tieferes Verständnis für Farbtheorie oder Bearbeitungstechniken zu haben. Besonders nach der Corona-Pandemie hatte ich mehr Zeit, mich mit Fotografie zu beschäftigen. In dieser Phase begann ich, meinen Stil zu hinterfragen und herauszufinden, welche Art von Bildern ich wirklich schaffen wollte.

Nach der Pandemie entstanden Bilder mit intensiveren, gesättigten Farben – vermutlich ein Ausdruck eines wiedergewonnenen Lebensgefühls nach den langen Monaten im Lockdown. Diese Phase war wichtig, um meine Vorlieben und meinen Bearbeitungsstil weiterzuentwickeln, aber es war noch nicht das, was ich wirklich suchte.

Kapitel 2: Von Vorbildern geprägt – Hammond, Care4Art und Co.

Mit der Zeit wechselte ich zwischen unterschiedlichen Einflüssen. Einer der ersten prägenden Momente war ein Kurs von Jord Hammond. Inspiriert von seiner kühleren, stimmungsvollen Bildsprache begann ich, meine Bearbeitungen in seinem Stil auszurichten. Diese Phase war gekennzeichnet durch subtile, entsättigte Farben und einen Hauch von Zurückhaltung, der eine besondere Eleganz ausstrahlte. Ich wollte damit die gleiche Aufmerksamkeit und Anerkennung erzielen, die Hammond für seine Bilder erhielt.

Danach wurde ich stark von Paul Michael inspiriert. Sein Stil, der oft warme, lebendige Farben mit exotischen Lichtstimmungen verband, führte mich zu einer anderen Art von Bearbeitung. Ich experimentierte mit düsteren Farbtönen und einem gewissen Minimalismus, der mir damals als "besonders" und "professionell" erschien.

Schließlich entdeckte ich Julian Herbig (@care4art) und erwarb seine Presets. Diese Phase war intensiv geprägt von der Suche nach einem Stil, der sich auf Instagram durchsetzen könnte. Obwohl ich meinen Vorbildern nacheiferte, wollte ich dennoch ein Stück Authentizität in meine Arbeit einbringen.

Mit der Zeit wechselte ich zwischen unterschiedlichen Einflüssen. Ich erwarb Presets von Julian Herbrig (@care4art) und experimentierte damit. Diese Phase war intensiv geprägt von der Suche nach einem Stil, der sich auf Instagram durchsetzen könnte. Obwohl ich meinen Vorbildern nacheiferte, wollte ich dennoch ein Stück Authentizität in meine Arbeit einbringen.

Innerlich war ich zerrissen. Auf der einen Seite strebte ich nach einem unverkennbaren Stil, auf der anderen Seite suchte ich weiterhin Bestätigung durch die Community. Die Resultate waren oft schön anzusehen, fühlten sich jedoch nicht „mein“ an.

Kapitel 3: Die Suche nach meinen Farben – Ein melancholischer Wendepunkt

Im Jahr 2023 begann ich, von schwarz-weiß aus zu bearbeiten und arbeitete mich mit einer Tone Curve von Alen Palander an meine Farben heran. Diese Phase brachte mich meinen eigenen Vorlieben näher, dennoch waren meine Bilder von einer melancholischen Stimmung geprägt. Das zeigte sich in gedämpften Farben, stillen Motiven und einem Gefühl von Zurückgezogenheit.

Diese Melancholie spiegelte meinen inneren Zustand wider. Ich war unzufrieden mit der ständigen Jagd nach Erfolg und den damit verbundenen Druck. Gleichzeitig spürte ich, dass ich immer mehr von äußerlichen Einflüssen loslassen musste, um wirklich ich selbst zu sein.

Kapitel 4: Fear of Missing Out – Der Drang, die Welt zu entdecken

Mit jedem Tag, den ich Instagram nutzte, wuchs mein Drang, die ganze Welt sofort zu entdecken. Ich scrollte durch meinen Feed, sah atemberaubende Fotos von Traumdestinationen, und ein Gedanke ließ mich nicht los: „Die Zeit ist knapp.“ Diese Vorstellung wurde durch einige persönliche Schicksalsschläge verstärkt. Fast täglich hatte ich das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft, dass ich mehr reisen müsste, um das Leben nicht zu verpassen. Ich wollte ständig unterwegs sein, neue Locations entdecken und „mitreden“ können.

Dieser Drang war eine der stärksten Triebfedern in meinem Leben während meiner aktiven Instagram-Phase. Es schmerzte, wenn ich mal wieder nicht reisen konnte, und die Unzufriedenheit wuchs, wenn andere Fotografen scheinbar mühelos durch die Welt tingelten und Erfolge feierten.

Rückblickend spiegelt sich dieser Zustand in meinen Bildern wider. Besonders in den tristeren, melancholischen Bearbeitungen zeigt sich, wie Instagram und diese FOMO mich prägten. Gerade die Wintermonate, kombiniert mit den Nachwirkungen der Pandemie, führten dazu, dass ich zu „moody“ Looks tendierte – dunkler, entsättigter, mit einer melancholischen Ästhetik. Auch wenn dieser Stil als „cool“ angesehen wird und von vielen Fotografen geschätzt wird, sehe ich das heute anders: Für mich ist er ein Ausdruck von innerer Unzufriedenheit und Rastlosigkeit.

Interessanterweise hatte ich im Frühjahr 2021, nach der Pandemie, eine Phase, in der meine Bearbeitungen intensiver und gesättigter wurden. Doch mit den Wintermonaten und der steigenden Nutzung von Instagram fiel ich immer wieder zurück in eine tristere Ästhetik. Heute würde ich sagen, dass mein damaliger Stil weniger von meinem echten Geschmack, sondern vielmehr von meinem inneren Zustand geprägt war.


Kapitel 5: Befreiung und Erkenntnis – Ein Leben ohne Instagram

Heute fühlt sich diese Reise seit meinem Instagram Ausstieg befreiend an – und gleichzeitig erschütternd. Es ist kaum zu glauben, wie unglücklich ich in meiner aktiven Instagram-Zeit war, ohne es wirklich zu merken. Damals hätte ich vermutlich gesagt, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin. Doch heute sehe ich die Gefahren, die diese App mit sich bringt, und wie sehr sie mich beeinflusst hat.

Vor Kurzem habe ich meinen Instagram-Account mit 15.000 Followern gelöscht. Natürlicherweise war es ein komisches Gefühl, eine so hohe Zahl einfach hinter sich zu lassen. Doch während ich diesen Artikel reflektiert habe, wurde mir bewusst, wie sehr ich durch diese App gesteuert war: Ich habe jahrelang versucht, meinen Stil zu finden, war aber ständig durch Reichweitenmechanismen und die Stile anderer beeinflusst. Ich dachte, ich müsse durch die Welt reisen, um als Fotograf erfolgreich zu sein, und glaubte, dass mein aktueller Job nicht mehr ausreicht, um mich persönlich erfüllt zu fühlen.

Ich habe Spots fotografiert, nur um Reichweite zu bekommen, wohlwissentlich, dass ich diese Motive eigentlich nicht gerne fotografiere. Ich habe mich verglichen, versucht, bessere Bilder als andere zu machen, und mich selbst in eine ständige Spirale aus Leistung und Unzufriedenheit gebracht. Natürlich hat mir diese Phase auch etwas gebracht: Ohne diesen Druck hätte ich vielleicht nicht die Fähigkeiten und die Qualität entwickelt, die ich heute habe. Aber der Preis dafür war hoch, mental habe ich einiges investiert.

Trotzdem merke ich, wie viel besser ich mich fühle. Eine Kollegin erzählte mir kürzlich, dass sie durch meine Entscheidung inspiriert wurde, ihren eigenen Instagram-Konsum deutlich zu reduzieren. Sie fühlt sich jetzt konzentrierter und ausgeglichener – und diese Rückmeldung hat mich bestärkt, dass dieser Weg richtig ist. Ich glaube nicht, dass Instagram in seiner aktuellen Form gesund oder zukunftsfähig ist. Mein Konto zu löschen war daher nicht nur ein Schlussstrich, sondern ein echter Abschluss mit dieser Zeit. Sollte ich jemals wieder zurückkehren, dann nur mit einem klaren Neustart und ohne die Absicht, in alte Muster zurückzufallen.

Natürlich wird es Momente geben, in denen vielleicht jemand nicht mit mir arbeiten möchte, weil ich kein Instagram und keine Follower habe. Doch sollte das so kommen, kann ich für mich heute sagen: Dann passt das so. Denn ich möchte nicht mehr hinter den manipulativen Mechanismen dieser App stehen und meine Werte dafür aufgeben.

Kapitel 6: Ein Appell: Probiert es selbst aus

Ich kann nur jeden dazu ermutigen: Löscht die App mal – und zwar für mehr als 30 Tage. Der eigentliche Entzug findet nicht nach einer Woche statt. Erst nach 30 oder 45 Tagen spürt man, wie tief Instagram einen beeinflusst hat. In dieser Zeit durchlebt man die Abnabelung intensiver und registriert plötzlich, wie viel es da draußen gibt, was einen eigentlich glücklicher macht.

Auch wenn ihr glaubt, ihr seid glücklich und nutzt die App nur kurz, seid vielleicht nicht einmal Creator, sondern nur Konsument: Gebt euch die Chance, überrascht zu werden. Ihr werdet feststellen, dass es einen Unterschied macht. Ihr werdet spüren, wie viel leichter und freier ihr euch fühlen könnt, wenn diese permanente visuelle Reizüberflutung aus eurem Leben verschwindet.

Es geht nicht darum, Instagram oder Social Media per se zu verteufeln, sondern darum, wieder zu sich selbst zu finden. Zu erkennen, dass das Leben außerhalb des digitalen Hamsterrads wertvoller und erfüllender sein kann, als wir es uns oft eingestehen wollen.

Meine Reise zeigt, dass wahres Glück und Kreativität nicht von äußeren Faktoren abhängen, sondern davon, dass wir auf uns selbst hören und unseren eigenen Weg finden. Ich hoffe, meine Geschichte inspiriert euch, über eure eigene Beziehung zu Social Media nachzudenken – und vielleicht auch einmal eine Pause einzulegen. Es könnte der Anfang von etwas ganz Neuem sein.

Lasst mich gerne eure Gedanken zu dem Artikel und/oder euren Erfahrungen in den Kommentaren wissen oder schreibt mir eine Nachricht über das Kontaktformular.

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Vom kreativen Flow zum Reichweiten-Druck: Wie Instagram mein Fotografieren prägte

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